Anne Boleyn
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[Geschichte] Anne Boleyn – Kluge Köpfe müssen rollen

Verschrien als Hexe und dennoch die wohl bekannteste Königsgemahlin Englands: Anne Boleyn. Viele Mythen und Gerüchte ranken sich um sie. So soll sie einen dritten Nippel oder sechs Finger an einer Hand gehabt haben. Aber Anne Boleyn war nicht nur irgendeine Frau, Eric Ives nannte sie einst die einflussreichste und wichtigste Königsgemahlin Englands. Doch was brachte ihr diesen Ruf ein?

Annes Ausbildung

Margarete von Österreich Portrait
Margarete von Österreich. | ©CC-PD

Anne wuchs am Hofe Margarete von Österreichs auf und kam somit früh in Kontakt mit dem Konzept einer mächtigen Frau. Margarete war die Tochter Kaiser Maximilians und die Schwester des spanischen Königs Philip, der diese Würde durch Heirat einer Tochter Isabella von Kastiliens erlangt hatte. Margarete selbst war die Statthalterin der habsburgischen Niederlande und handelte unter anderem den Damenfrieden von Cambrai aus. Anne diente als eine ihrer Hofdamen und erhielt im Gegenzug eine umfangreiche Ausbildung, sowohl in den Künsten als auch Geschichte sowie Lesen und Schreiben. Den größten Teil ihrer Jugend jedoch verbrachte Anne Boleyn in Frankreich. Hier traf sie womöglich auch auf Margarete von Navarra, einer Schwester von König Franz I. von Frankreich. Margarete schrieb mehrere Bücher, die sich mit der christlichen Lehre und deren Reformation beschäftigten. Es ist möglich, dass Anne durch sie das erste Mal mit der Reformation in Kontakt kam.

Anne Boleyn und Henry VIII.

Mary Boleyn
Annes Schwester und Henrys ehemalige Mätresse Mary Boleyn. | ©CC-PD

1526 fiel Anne, die inzwischen wieder zurück in England war, König Henry VIII. auf. Dessen Ehe mit Katharina von Aragon, einer weiteren Tochter Isabella von Kastiliens, hatte noch immer keinen männlichen Erben hervorgebracht und die Königin war inzwischen über 40. Anne Boleyn war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, zumindest für den Moment. Henry hatte eventuell schon länger über eine Annullierung seiner Ehe nachgedacht. Anne, die am französischen Hof auch etwas über die Liebe und Männer gelernt hatte, nutzte dies zu ihrem Vorteil. Statt sich wie ihre Schwester Mary dem König einfach hinzugeben, erwiderte sie zwar sein Werben, aber bestand darauf mit ihm erst intim zu werden, sobald sie seine Ehefrau sei. Doch für eine Annullierung bräuchte Henry die Erlaubnis des Papstes und seine Noch-Ehefrau Katharina hatte einflussreiche Verwandte. So war unter anderem einer ihrer Neffen der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und König von Spanien, der praktischerweise den Papst in Gefangenschaft hielt.

Die Reformerin Anne Boleyn

Der Papst lehnte eine Annullierung von Katharinas und Henrys Ehe ab. Das Henry daraufhin mit der katholischen Kirche brach und sich selbst zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche machte, ist weithin bekannt. Doch welche Rolle spielte Anne Boleyn in diesem Prozess? Es wird ihr unterstellt nur auf der Seite der Reformation gestanden zu haben, da es ihr persönliche Vorteile bringen würde. Jedoch gibt es auch Beweise gegen diese These. So soll sie unter anderem ihre Hofdamen zum Bibelstudium ermutigt haben. Des Weiteren bot sie denjenigen Schutz, die an einer englischen Übersetzung der Bibel und anderen reformatorischen Schriften arbeiteten. Jene reformatorischen Schriften, die Herrscher dazu aufriefen gegen die korrupte katholische Kirche vorzugehen, präsentierte sie auch Henry. Womöglich wird ihr hieraus der Strick gedreht, dass ihre Patronage der Reformation nur dem Selbstzweck gedient habe.

Annes Stellung am Hofe

Anne Boleyn Porträt
Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem 16. Jahrhundert, welches vermutlich Anne Boleyn darstellt. | ©CC-PD

Bereits vor ihrer Ehe mit Henry hatte Anne die Aufgaben einer Königin übernommen. So zeigte er sich, nachdem er Katharina verstoßen hatte, öffentlich mit Anne, küsste sie vor aller Augen und überhäufte sie mit Geschenken. Um ihre Stellung noch weiter zu legitimieren verlieh er ihr den Titel „Marquess of Pembroke“. Als Frau wäre sie normalerweise „Marchioness of Pembroke“ gewesen, da Henry ihr allerdings den Titel aus eigenem Recht heraus verlieh, durfte und nutzte sie die männliche Form des Titels. Durch den verliehen Rang stand sie über dem gesamten restlichen Adel, ausgenommen Henrys Schwager, seinem Bastard sowie weiteren Herzogen königlichen Blutes. Bei der Feier zur Erhebung ihres Vaters in den Stand eines Earls demonstrierte Henry seine Anerkennung Annes als seine Ehefrau in allem außer auf dem Papier und Bett erneut. So saß sie neben ihm auf dem Platz, der sonst der Königin gebührte, und die im Titel ranghöheren Herzoginnen von Norfolk und Suffolk mussten sich vor ihr verneigen.

Anne Boleyns erhöhter Status war nicht nur am englischen Hof bekannt, sondern in ganz Europa. So merkte der Botschafter von Milan 1531 an, dass ihre Zustimmung und Gunst essentiell für die englische Regierung sei. Hatte man also ein Anliegen, war es ratsam Anne auf seine Seite zu ziehen, um den König zu überzeugen. Ähnliches hatte der französische Botschafter bereits 1529 berichtet. Obwohl Frankreich letztendlich auf der gegnerischen Seite mit dem Papst stand, hatte Franz I. Henry gegenüber seine Unterstützung für eine Heirat mit Anne Boleyn ausgesprochen. In Calais hatte Franz sich sogar persönlich mit Anne getroffen.

Königin Anne und ihr Fall

Darstellung der Hinrichtung Anne Boleyns
Darstellung der Hinrichtung Anne Boleyns aus dem 17. Jahrhundert. Künstler unbekannt. | ©CC-PD

Letztendlich heirateten Anne und Henry am 14. November 1532. Bei ihrer Krönung im darauffolgenden Sommer wurde Anne erneut eine ganz besondere Ehre zu Teil. Sie wurde mit der Edwardskrone gekrönt, mit der auch die momentane britische Königin Elizabeth sowie ihr Vater und Großvater im Amt bestätigt wurden. Diese war bis zum Zeitpunkt von Anne Boleyns Krönung dem Souverän allein vorbehalten gewesen. Ein möglicher Grund für diese Ehre kann gewesen sein, dass Annes Schwangerschaft bereits deutlich sichtbar war. Damals nahm noch an, dass sie einen männlichen Erben unter dem Herzen trüge. Wie wir heute allerdings wissen, war das Kind die künftige Königin Elizabeth I. Trotz ihres einst so großen Einflusses am Hofe geschah Annes Fall innerhalb von nur 1000 Tagen. Auch sie schaffte es nicht Henry einen Sohn zu gebären und wurde letztendlich mit den Vorwürfen des Inzests, Ehebruchs und Hochverrats zum Tode verurteilt. Anne Boleyn fiel vom höchsten Amt direkt ins Grab.


Dieser Beitrag entstand ursprünglich als Prüfungsleistung im Wintersemester 2019/20 im Rahmen eines Seminars zu Geschichte und Bloggen. Die Veröffentlichung erfolgte nach der Bewertung und mit ausdrücklicher Erlaubnis des Dozenten. Diese Beiträge werden ebenfalls in Zukunft auf dem studentischen Blog erscheinen. Zu dieser Reihe gehören noch drei weitere Beiträge über Frauen in Machtpositionen:

2 Kommentare

  • Nicole

    Ein sehr schöner Beitrag, der ihre Geschichte gut auf den Punkt bringt. Ich fände es ja ziemlich spannend, wenn es mal eine Serie gäbe, die sich um die Jahre von Anne Boleyn am Hofe von Margaret von Österreich und Königin Claude gäbe, weil das ja schon die zwei Phasen ihres Lebens waren, die sie stark geprägt haben aber auch dazu ermuntert haben, sich als Henrys Partnerin zu sehen und Einfluss in politischen Belangen auszuüben. Das könnte man auch wunderbar damit verbinden, dass auch die beiden Königinnen im Fokus stehen und man einige sehr spannend, starke und facettenreiche Hauptfiguren hätte. Bei den Serien über die Frauen finde ich es nämlich immer sehr schade, dass halt nur ihre Zeit mit Henry abgehandelt wird. Sie waren aber am Ende ja noch so viel mehr, als nur seine Ehefrauen und hatten alle ein Leben vor ihm, im Falle von Anne of Cleves und Kathryn Paar zum Glück auch nach ihm. Dass man Henrys Taten komplett Anne zuschreibt, un das teilweise auch noch heute, macht mich generell wütend (was du ja weißt, darum ging es ja auch in einem Beitrag auf meinem Blog). So als sei Henry das arme Opfer und komplett unschuldig an dem was er tut. Seine Handlungen beweisen ja genau das Gegenteil, er bleibt auch nach Annes Hinrichtung ein Tyrann, ändert ja auch senen Umgang imt Mary nicht wirklich und schickt noch einige seiner engsten Vertrauten und eine weitere Ehefrau aufs Schafott.

    Ich finde Anne ja bis heute aufgrund ihres Charisma, ihrer Stärke und ihrem Ehrgeiz bis heute faszinierend. Für mich wirkt sie immer etwas aus der Zeit gefallen, weil sie so fortschrittlich war. Aber natürlich ist es auch ihr rasanter Aufstieg und schneller Fall der fasziniert, genauso wie aus Liebe dann doch recht flott Hass werden kann. Es ist aber auch, dass wir so wenig über sie wissen, weil Henry ja doch ziemlich gelungen die Potraits oder auch Aufzeichnungen von ihr zerstört hat, dass sie nach wie vor ein Mysterium bleibt. Ich denke, dass diese Faszination wohl auch anhalten wird und kommende Generationen sich auch mit ihr beschäftigen werden.

    • BooksonFire

      Hallöchen Nicole,

      danke. Und eine Serie über Anne vor Henry wäre mega spannend beziehungsweise allgemein über die Frauen, dieses Jahrhunderts. Ich meine über Isabella von Kastilien sowie die Habsburger der Zeit gibt es zwar schon eine spanische Serienreihe, aber so eine große europäische Produktion über alle wichtigen Frauen des späten 15. und 16. Jahrhunderts wäre toll. Vor allem da sie alle irgendwie miteinander verbunden sind. Aber das wird wohl immer ein Traum bleiben. Aber das wäre schon sehr geil. Es war ja quasi ein Jahrhundert, welches stark von Frauen dominiert wurde in der europäischen Sphäre. Selbst bei den Osmanen war es die Zeit der Weiberherrschaft (ich hasse, den deutschen Begriff für das Sultanate of Women). Die York- und Tudorfrauen in England, Schottland und Frankreich, auf der iberischen Halbinsel Isabella und ihre Töchter, im heiligen Römischen Reich (und später Spanien) die Habsburger-Frauen, in Navarra Margarete und ihre Tochter Jeanne, in Polen Anna Jagiellonka. Und so viele weitere Frauen, die ich jetzt bestimmt gerade vergesse. Dennoch denken heute viele, dass Frauen damals absolut machtlos waren, was so schade und unwahr ist.

      Liebe Grüße
      Sarah

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