Erzherzogin Sophie - Mehr als nur das verrufene Schwiegermonster
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[Geschichte] Erzherzogin Sophie – Mehr als nur das verrufene Schwiegermonster

Zu Weihnachten gehören neben Weihnachtsbaum, Gans und Geschenken inzwischen auch ganz traditionell die Sissi-Filme aus den 50er Jahren. Die Zuschauer fiebern mit der blutjungen und freiheitsliebenden Elisabeth und verdammen ihre Tante und Schwiegermutter Sophie, die scheinbar mit nichts zufrieden ist, was die junge Frau tun will. Doch war Sophie wirklich nur das in den Filmen ausgemachte Schwiegermonster?

Sophie, Prinzessin von Bayern

1805 schenkte König Maximilian von Bayerns zweite Ehefrau Karoline von Baden ihm Zwillingstöchter: Die künftige sächsische Königin Maria Anna und Prinzessin Sophie. Sophie und ihre Geschwister wuchsen in einem für die Zeit ungewöhnlich nahem Verhältnis zu ihren Eltern auf. Mit 19 wurde Sophie an Erzherzog Franz Karl verheiratet. Ihr Vater wollte unbedingt ein weiteres Bündnis mit den Habsburgern, an die er bereits Sophie ältere Halbschwester Karoline Auguste verheiratet hatte. Die Braut selbst war nicht sonderlich angetan von ihrem Bräutigam, aber er war ihre Möglichkeit eines Tages vielleicht wie ihre Schwester Kaiserin zu werden. Immerhin war Franz Karl der zweite in der Thronfolge, wobei der erste als Epileptiker zur damaligen Zeit nur sehr unwahrscheinlich den Thron besteigen würde.

Erzherzogin Sophie, die junge Ehefrau

Sophie galt als willensstark, ehrgeizig und intelligent. Eigenschaften, die als künftige Kaiserin hilfreich wären, aber zugleich auch als gefährlich werden könnten. Am Wiener Hof, ihrem neuen Zuhause, lernte Sophie den Fürsten von Metternich, den österreichischen Haus-, Hof- und Staatskanzler, kennen. Schon bald übernahm sie seine Ansichten, die jegliche nationale oder liberale Bewegungen als gefährlich für den Staat ansahen. Sophie lehnte trotz ihrer Intelligenz als strenggläubige Katholikin ebenfalls jegliche Form der Aufklärung ab. Damit würde sie später im Kontrast zu ihrer liberalen und Traditionen ablehnenden Schwiegertochter stehen. Sophie ließ ihre Söhne Franz Joseph, Maximilian, Karl Ludwig und Ludwig Victor nach ihren und den Ansichten Metternichs erziehen. In diesem Fall war sie gar nicht so anders als Elisabeth später, die ihre Kinder nach ihren Prinzipien erziehen wollte.

Erzherzogin Sophie und Franz Joseph als Kleinkind
Erzherzogin Sophie und Franz Joseph als Kleinkind

Gegen den Titel, für die Krone

1848 brach die Revolution in Österreich auf. Metternich wurde gestürzt. Es gab offene Proteste und der Hof floh aus Wien. Sophie, inzwischen Anfang 40, musste handeln, um nicht ein ähnliches Schicksal wie die als österreichische Erzherzogin geborene französische Königin Marie Antoinette etwa 50 Jahre zuvor erleiden zu müssen. Nicht umsonst würden einige Zeitgenossen Sophie später als den einzigen Mann am Habsburger Hof zu dir Zeit bezeichnen. Sophie gelang es ihren Ehemann vom Thronverzicht zu überzeugen und an seiner Stelle ihren gemeinsamen erst 18jährigen Sohn Franz Joseph die Kaiserwürde zu verleihen. Franz Joseph würde einen Neubeginn symbolisieren, den die österreichische Monarchie dringend brauchte.

Die Macht hinter dem Thron

Erzherzogin Sophie mischte sich nie direkt in das politische Tagesgeschehen ein, allerdings war sie die engste Vertraute der jungen Kaisers und bestimmte damit dessen politische Linie mit. Als Konservative, die jegliche Föderalismus des Vielvölkerreiches ablehnte, avancierte sie schnell zur Hassfigur der liberalen Kräfte. Die Erzherzogin wollte Österreichs Vormachtstellung innerhalb der deutschen Länder stärken und plante daher, dass die Kaiserin an der Seite ihres Sohnes eine Wittelsbacherprinzessin sein sollte. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der Herzogin Ludovika in Bayern, initiierte sie die Bemühungen Franz Joseph mit Helene „Néné“ in Bayern zu verheiraten. Franz Joseph allerdings wählte deren jüngere Schwester Elisabeth, besser bekannt als Sisi oder Sissi.

Sophie, das Schwiegermonster?

Viel wurde bereits über Elisabeths Anpassungsschwierigkeiten am Wiener Hof geschrieben. Oft wird dabei Sophie als Sündenbock herangezogen, doch Sophie war lediglich die Verkörperung eines größeren Systems. Die Erzherzogin spiegelte das traditionelle und konservative Hofzeremoniell der Habsburger wieder, während Elisabeth ein eigenwilliger, liberaler Freigeist war, der sich nicht mit der traditionellen Rolle als Kaiserin anfreunden konnte und diese sogar aktiv verweigerte. So sah sie sich vom Hof auf eine Gebärmaschine reduziert, der man, nach den Regeln des Protokolls, die Kinder „wegnahm“ und sie von Erziehern erziehen ließ. So wie es schon immer bei den Habsburgern und anderen Königsfamilien der Fall gewesen war. In der Tat befürwortete Sophie sogar, dass sich ihre Schwiegertochter selbst um ihre Kinder kümmere, war sie doch selbst in einem engen Verhältnis zu ihren Eltern aufgewachsen und hatte sich um die Erziehung ihrer Söhne bemüht.

Erzherzogin Sophie und Familie
Erzherzogin Sophie im Kreise ihrer Familie im Jahre 1860 | ©CC-PD

Elisabeth hatte nie Kaiserin werden wollen. Sophie hingegen hatte zum Wohle der Monarchie auf eben jene Position, die sie so angestrebt hatte, verzichtet. Während Elisabeth später nur selten am Wiener Hof verweilte, nahm Sophie die Rolle der ersten Dame des Reiches größtenteils für sie ein. Diese Rolle erstreckte sich nicht nur auf den repräsentativen Teil, sondern auch auf die Familie. Sophie war die de facto Matriarchin des Habsburger und damit auch eine enge Bezugsperson für ihre Enkelkinder.

Das Ende einer Ära

1867 wurde ihr Zweitgeborener und Lieblingssohn Kaiser Maximilian von Mexiko hingerichtet. Sophie würde sich von diesem Schicksalsschlag nie wieder erholen. Infolgedessen zog sie sich aus der Politik endgültig zurück. Bereits der Ausgleich mit Ungarn und die Einführung des konstitutionellen Monarchie im gleichen Jahr, hatten gegen ihre politische Ideale gesprochen, doch der Tod Maximilians veranlasste sie sich vom österreichischen Hof zurückzuziehen. Im Alter von 67 Jahren verstarb die Erzherzogin und wurde traditionell in der Kapuzinergruft beigesetzt.

Sophie heute

Die Reduzierung auf die Rolle Schwiegermonsters resultiert vermutlich größtenteils aus der gleichzeitigen Glorifizierung ihrer Schwiegertochter Elisabeth. Sie dienen in den Filmen von Ernst Marischka, der Zeichentrickserie „Sissi“ sowie dem Zweiteiler „Sisi“ von 2009 mehr als Symbole für die alten Konservativen und die jungen Liberalen, als dass sie als eigenständige Personen mit Ecken und Kanten betrachtet werden. Während das perfekte Bild der „Romy Schneider“-Sissi auch langsam im öffentlichen Geschichtsnarrativ bröckelt, blieb Erzherzogin Sophie bisher das Schwiegermonster. Es wird Zeit dies zu ändern. Dieser Beitrag soll ein erster Schritt in diese Richtung sein.


Dieser Beitrag entstand ursprünglich als Studienleistung im Wintersemester 2019/20 im Rahmen eines Seminars zu Geschichte und Bloggen. Ebenfalls erschienen sind meine vier Prüfungsleistungsbeiträge zum selben Themenkomplex Frauen in Machtpositionen:

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